| birdy-freunde |
Termine |
Das Birdy |
Das individuelle Birdy |
| Mit dem Birdy auf Reisen |
Faltradkultur |
Langfinger |
Links |
| Impressum | Sitemap |
www.birdy-freunde.de/reisen/pic-du-carnigou.html - ausgedruckt am 21.05.2013
Von Georg Haupt, 2002
Jetzt mag sich der Leser fragen, was denn dieser Blödsinn soll. Erstens geht das mit einem Messer viel schneller und zweitens - warum sollte man so etwas tun wollen. Nun ja, ich möchte hier eine Tour beschreiben, die ich unter "normalen Bedingungen" nicht unbedingt zu den sportlichen Höchstleitung zählen würde. Wohl aber mit dem Birdy und schon gar mit einem Birdy auf Rennreifen. Diese Tour hat mir, dem Birdy und vor allem eben den Stelvio Reifen die Grenzen des Zumutbaren gezeigt. Aber von Anfang an. Urlaub mit der Familie war angesagt. In Südfrankreich mit Kindern und Zelt und allem was man dafür braucht. Mein Birdy war glücklicherweise einen Tag vor dem Start in den Urlaub nach meinem Unfall wieder restauriert, so dass ich es mitnehmen konnte. Die mögliche Verwendung als Rennradersatz im Urlaub war ja auch der Grund, warum ich mir das Birdy in Schwarz gekauft hatte. Ich wollte auf den schönen und abseits der Nationalstraßen auch ruhigen französischen Straßen einige Touren fahren. Dazu habe ich wieder die Stelvio Reifen montiert, die ich im Alltag nicht mehr verwende. Alles rein in den Kofferraum und ab ging es mit dem Autoreisezug nach Narbonne.
Nach einigen Tagen am Strand und einigen schönen Touren in der Umgebung hat es uns irgendwann nach Prades verschlagen. Prades ist eine kleine Stadt am Rande der Pyrenäen mit dem Pic du Carnigou als Hausberg. Der Pic du Carnigou ist beinahe ein mythischer Berg, da er vom Mittelmeer kommend die erste richtig hohe Erhebung ist und er lange Zeit als der Höchste Berg des Roussilion galt. Das wichtigste, das heute zu seiner Beliebtheit beitragen dürfte, ist aber die Straße, auf der man bis knapp unter den Gipfel mit dem Auto fahren kann - und es auch darf. Sie schlängelt sich von Prades auf 400 m bis 2150 m den Berg hinauf und endet an einem Chalet mit Übernachtungs- und Rastmöglichkeiten. Von da aus kommt man (allerdings nur zu Fuß) in ca. 1,5 h auf den Gipfel.
Nachdem ich die Straße auf der Karte entdeckt hatte, zog es mich da hoch. Nicht mit dem Auto sondern mit dem Fahrrad. Und ich hatte als Fahrrad nun mal mein Birdy dabei. Die Straße war auf der Karte mit einer eher gemäßigten Steigung eingezeichnet und als Straße ohne festen Belag. Mit dem Straßenbelag hatte die Karte ja noch Recht, die Steigung würde ich aber als eher steil bezeichnen. Da der Nachmittag mit meiner Familie verplant war, bin ich also mit den Hähnen aufgestanden (in Frankreich kann man das noch im wahrsten Sinne des Wortes) und habe - erst mal wieder mein Rad aufgepumpt. Irgendwo hatte ich mir ein kleines Leck eingehandelt das ich aber nicht gefunden hatte - auch nicht im Wasserbad in unserem Kaffeetopf (meine Frau hat das glücklicherweise nicht mitgekriegt). Dann ging es durch Prades Richtung östlichem Ortsausgang, von wo die Straße beginnen sollte. Als Ortsunkundiger durch Prades zu fahren ist übrigens kaum möglich - überall sind Einbahnstraßen, die seltsamerweise immer in die entgegengesetzte Richtung weisen. Nachdem ich dabei aber nur beinahe überfahren wurde, konnte es also aufwärts gehen. Zunächst sehr gemäßigt und auf gutem Asphalt. Mit der letzten Ortschaft hörte dann aber nicht nur die Kulturlandschaft auf (Pfirsiche, Aprikosen und - natürlich - Wein) sondern auch der feste Straßenbelag. Die Straße bestand nun aus festgewalztem Sand und Lehm mit nur wenigen Steinen/Felsen und war aber noch recht gut befahrbar. Allerdings hatte auch die Steigung zugelegt, so dass nun erstmals mein 32er Rettungsring zum Einsatz kam. Ich muß gestehen, bis auf einige kurze flachere Stücke war das der einzige Gang, den ich für den Rest der Strecke benutzt habe. Die Straße verläuft ab da durch Wald, der an vielen Stellen so hoch ist, dass er sogar Schatten spendet, was an heißen Tagen sehr willkommen ist. Der Weg wird zunehmend ausgesetzter und quert eine sehr steile und stellenweise felsige Bergflanke. An einigen, teilweise völlig ungesicherten Stellen offenbaren sich nun atemberaubende Tiefblicke in die Schlucht des Llech. So waren es an diesem Sonntag auch spanische Schluchtendurchquerer - oder wie nennt man die Leute, die "Canyoning" machen - die mich angefeuert haben. Hin und wieder war der Weg sogar wieder asphaltiert, zu meinem Leidwesen aber nur zur Stabilisierung besonders ausgesetzter oder besonders steiler Passagen. Nach dem Überqueren eines Viehgatters ging es dann etwas weniger spektakulär, aber nicht weniger steil weiter. Der Autoverkehr war glücklicherweise recht gering. Hauptsächlich waren es Geländewagen die dort unterwegs waren. Da die Strecke mit zunehmender Höhe zunehmend steiniger wurde, war diese Art Fahrzeug wohl auch angebracht. Was aber einige Franzosen nicht davon abhielt im vollbesetzten Renault Clio dort hochzukurven. Für mich als Radfahrer hatten fast alle einige Anfeuerungsrufe und -gesten übrig.
Die Straße führte dann auf einen Sattel, von dem man einen herrlichen Blick bis zum Mittelmeer hatte. Mit der Sicht war es jedoch so eine Sache - bis zum Meer konnte man unter der Wolkendecke noch sehen aber der Gipfel des Carnigou blieb den ganzen Tag darin verschwunden. Nach wenigen Höhenmetern hatte ich dann auch die Wolken erreicht und es wurde schlagartig empfindlich kalt. Der Weg war jetzt mehr Stein und Fels als Lehm und Sand, aber das Birdy kam damit erstaunlich gut zurecht. Nun ja, meine Geschwindigkeit war auch nicht gerade rasend schnell, so dass ich den meisten größeren Unebenheiten ausweichen konnte. Schließlich kam ich an einen Abzweig auf 2000 m, der nach rechts unten über eine andere (noch steilere) Route wieder ins Tal nach Prades führt aber für den Verkehr gesperrt war (ansonsten aber eine interessante Variante darstellt). Nach links oben ging es dann hoch bis zum Chalet. Als krönender Abschluss wurde es hier noch mal so richtig steil und sehr steinig. Besonders in den engen steilen Kurven, wo die Geländewagen den Boden ziemlich aufgerissen hatten. Hier haben sich dann auch die Grenzen der Berg- und Geländetauglichkeit des Birdys aufgezeigt. Durch die starke Steigung und den dafür erforderlichen hohen Krafteinsatz war es mir nicht mehr möglich, das Vorderrad am Boden zu halten, was aber in den Kurven und zum Umfahren von größeren Hindernissen dringend erforderlich gewesen wäre. Im Stehen kann ich das Birdy auch nicht gut fahren, was ja ansonsten sicher geholfen hätte. So kam es, dass ich an diesen Stellen nur noch schiebenderweise vorwärts kam. So insgesamt etwa 150 m (weit, nicht hoch). Aber das war mir lieber als mich mit meinen Klickpedalen samt Fahrrad seitlich auf den Weg schmeißen zu müssen. Die letzten Meter gingen dann wieder fahrend und endlich tauchte aus dem Nebel das Chalet auf. Hier konnte ich dann auch meinen nun wieder sehr heftig knurrenden Magen befriedigen. Bei der Hochfahrt bin ich von einigen MTB Fahren überholt worden, die mich nun oben kopfschüttelnd begrüßten. Ich vermute, die meisten haben mich für ziemlich bescheuert gehalten, mit so einem "Campingfahrrad" hochuzufahren. Einige technisch weniger versierte vermuteten wohl auch den letzen Schrei in der MTB- (oder VTT, wie der Franzose sagt) Entwicklung hinter dem Birdy. Zwei der Jeepfahrer jedenfalls besahen sich das Birdy ganz genau und fachsimpelten über den Federungsmechanismus und überlegten, was denn der Clou an dem Rad sei. Da mein Französisch für solche technischen Dinge nicht ausreicht habe ich das Rad kurzerhand zusammengefaltet und bei jedem Handgriff mit dem das Rad kleiner wurde, wurden die Ahs und Ohs der beiden lauter. Daraufhin haben sie mich mit Fragen gelöchert z.B. ob sich das Birdy wie ein MTB fährt, wer der Hersteller ist, was es wiegt usw. - komischerweise, vielleicht auch glücklicherweise, hat mich keiner nach dem Preis gefragt. Ach ja: Bis dahin hatten sich die Stelvio Reifen noch recht gut gehalten. Kein Durchrutschen, kein Einsinken - es ging viel besser als ich vermutet hatte. Wohl auch, weil der Reifen hinten wegen des Leckes nicht den vollen Druck hatte.
Aber dann kam die Abfahrt. Also einen kleinen Gang eingelegt, damit das Schaltwerk aus dem Weg ist und los! Besonders vor dem ersten steilen und sehr steinigen Stück hatte ich "Muffen". Aber es ging, erst im Schrittempo, dann immer mutiger und schneller. Man muss sagen, dass sich die Federung des Birdy bei solchen unregelmäßigen Unebenheiten sehr gut bewährt. Bisher kannte ich ja nur Kopfsteinpflaster, mit dem das Birdy bei höheren Geschwindigkeiten gar nicht gut zurecht kommt. Ich kam dann doch recht zügig abwärts. Ein kurzer Halt mit einem prüfenden Griff an den Reifen zeigte aber einen großen Nachteil des kleinen Raddurchmessers: Da die kleinen Felgen die ganze Energie ableiten müssen, heizen sie sich auf sehr hohe Temperaturen auf. Aber auch das fühlte sich dramatischer an, als es letztendlich war. Viel Rücksicht konnte ich eh nicht darauf nehmen - der Weg bestimmte das Tempo. Auf jeden Fall kamen wir wieder wohlbehalten unten an, ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht, das Birdy nur mäßig eingesaut. Nur die Stelvio Reifen sahen merkwürdig ausgefranst aus. Der Stelvio ist nun mal ein reinrassiger Rennradreifen und hat eine kompromißlos dünne Seitenwand. Jeder Stein und jeder Felsen der die Reifen gestreift hat, hat seine Spuren auf dem Reifen hinterlassen. Erst wurde der wenige Gummi abgescheuert, dann kamen die Fäden der Karkasse zum Vorschein und sind teilweise auch schon durchgescheuert worden. Weiterfahren kann ich den Reifen so nicht mehr guten Gewissens womit er reif ist für die Mülltonne. Eigentlich schade nach nur ca. 500 km Laufleistung.
Der Stelvio ist wirklich nur als reiner Straßenreifen verwendbar. Fürs Gelände, vermutlich auch schon für einen Schotterweg ist er zu verletzlich. Der Original Birdy Reifen ist wesentlich geländetauglicher. Die Reifenflanken sind stärker mit Gummi beschichtet und das seitlich überstehende Profil bietet ebenfalls einen guten Flankenschutz. Im nächsten Urlaub mit Birdy nehme ich wieder die original Birdy Reifen mit. Diese sind doch vielseitiger und werden dem Charakter des Birdy gerechter. Obwohl der Reiz der auf Asphalt wirklich leicht laufenden Stelvios schon groß ist ...
Trotz des Verlustes (46 Euro den Bach runter :-( ) war es eine sehr schöne Tour, die mir auch gezeigt hat, dass MTB fahren sehr viel Spaß bereitet. Nur mußte ich feststellen, dass das Birdy da, wo ein MTB anfängt Sinn zu machen, schon bald passen muss - zumindest bergauf. Aber ich habe es geschafft und ein bisschen Stolz bin ich schon darauf.
www.birdy-freunde.de/reisen/pic-du-carnigou.html - ausgedruckt am 21.05.2013