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www.birdy-freunde.de/superlative/alpedhuez.html - ausgedruckt am 04.02.2012
Von Ulrich Gehrmann, 2001
Meine Frau und ich sind, um uns die Tour de France-Etappe vom Straßenrand aus anzusehen, nach Le Bourg-d'Oisans in die französischen Alpen gefahren, von wo aus die berüchtigten Serpentinen nach Alpe d'Huez losgehen.
Am Vormittag setzte eine Völkerwanderung in den Berg ein. Mit allen Picknick-Utensilien bepackt machten sich die Radsportbegeisterten aus allen Teilen der Welt auf den Weg, um sich noch ein Plätzchen zwischen denjenigen zu sichern, die schon mindestens einen Tag zuvor ihren Platz besetzt und die Nacht belegt hatten. Die Tour de France zieht andere Besucher an, als man sie bei anderen großen sportlichen Veranstaltungen vorgeführt bekommt. Die sonnenbeschirmten Großeltern picknicken mit ihren Enkeln genauso am Wegesrand, wie die Elterngeneration sich auf dem mitgebrachten Holzkohlengrill das Fleisch zum Rotwein grillt.
Zum Glück hupten sich nur noch von der Organisation zugelassene Autos den Weg frei, weil die Strecke schon für Touristenautos gesperrt war. Dazwischen kämpften sich die unterschiedlichsten Radlertypen und Altersgruppen auf mehrheitlich bestem fahrradtechnischen Gerät die Strecke hoch. Hier schien auch das alte Naturgesetz für Rennradfahrer außer Kraft gesetzt zu sein: Je dicker der Bauch und je größer der Geldbeutel, um so leichter das Rennrad. Festzustellen war, daß Fahrer ohne Rettungsringe, d.h. kleiner dritter Bergkranz, oder großem Bergritzel häufiger an schönen Aussichten anhielten. Mit der 3*7 Schaltung am Birdy hatte ich eine weitere Variante solch eines Rettungsringes.
Um 11 Uhr machte ich mich auf den 15 km langen Weg, um nach 13 km Serpentinen in 1 Stunde und 40 Minuten mit einer kleinen Umleitung am Etappenziel erschöpft nach 1.200 Höhenmetern anzukommen. Die Profis brauchen für die Strecke mit 7 - 10 Steigungsprozenten, nachdem sie schon 2 Berge der "Hors Categorie" und 170 km hinter sich haben, weniger als 40 Minuten.
Zwei Beeinträchtigungen erlebte ich bei dieser Fahrt in umgekehrter Bedeutung für bergan und bergab: einerseits meine gerade noch ausreichende Kondition und zweitens die teils in Volksfeststimmung entfesselten, die Bergspitze stürmenden Menschenscharen.
Aber auch zwei Begünstigungen erlebte ich. Normalerweise bekommt man mit dem Birdy (zu) viel Aufmerksamkeit; das radverrückte Publikum an der Strecke feuerte mich fast in Orginallautstärke an. Nur bei wenigen war es mit Mitleid für das "Rädchen" verbunden, sondern drückte eher Interesse und Anerkennung für diesen außergewöhnlichen Versuch aus. Beflügelt haben mich natürlich die vielen Aufschriften der nachtaktiven Fans auf der Straße, die nur mich mit meinem Vornamen gemeint haben konnten. Nebenbei: Lance Amstrong und Jan Ulrich kamen hinter mir ins Ziel.
Aber inzwischen ist der Wettbewerb für den Eintrag unter "Superlative" unter Birdy-Fahrern in aller Härte ausgebrochen: Auf meiner zügigen Bergabfahrt glaubte ich in einer Kurve meinen Augen nicht, da mir ein winkender ebenso von Zuschauern angefeuerter Fahrer eines "gelben" Birdys (Eigenlackierung oder Nordamerika?) entgegenkam. Die Verkehrssituation erlaubte kein Halt, so daß wir uns nicht austauschen konnten.
Bei der Entdeckung des Südpols ging es noch um Tage, beim Birdy-Wettbewerb Alpe d'Huez ging es schon um Minuten.
Nachdem das einem anderen Fahrer in Auftrag gegebene Beweisfoto von mir vor der Zielpassage eher einem Mann ohne Unterleib aber mit Lenker in der Hand und mit viel Himmel moderner Fotokunst gleicht, habe ich einen Fast-Beweis:
T0UR 8/2001, Seite 41
"11 Uhr, die orangerote Meute tobt, als würden die Profis jeden Moment um die Eckebiegen. Dabei haben sich Ullrich & Co. gerade erst in Aix-le-Bains in den Sattel geschwungen, noch 200 Kilometer entfernt. Es riecht nach einer Mischung aus Bierdunst und Nitroverdünnung. Noch Wochen nach der Etappe werden die frisch gestrichenen blau-weiß-roten Flaggen auf dem Asphalt jeden Berg-Bezwinger an die Tour erinnern. Am Morgen des Rennens darf sich jeder, der hier durchkommt, einen Moment lang wie Lance Armstrong fühlen, bekommt dieselben Ovationen wie die Profis. Und es kommen Tausende: Auf Rennrädern, Mountainbikes, Tandems, Stadträdern, ja sogar auf Klapprädern kämpfen sie sich die Rampe hoch. Unermüdlich schieben die Oranges jeden an, wer ein Rabobank-Trikot trägt, wird gefeiert wie der leibhaftige Toursieger. Ein Hexenkessel.
Beängstigend eng wird der Korridor aus Menschen. Wie ein Schwarm Heuschrecken haben die Fans jedes Fleckchen Wiese zwischen den Kehren besetzt. ..."
Zusammenstellung aller Pässe der Tour de France 2001
www.birdy-freunde.de/superlative/alpedhuez.html - ausgedruckt am 04.02.2012